Francesco Nazzarri

Francesco Nazzarri ~ NetNames

Die Vielfalt und Schnelllebigkeit des Internets schafft nicht nur nahezu unbegrenzte Möglichkeiten der Informationsverbreitung, sondern bildet auch den Nährboden für Zuwiderhandlungen wie Fälschungen oder Markenrechtsverletzungen. Hiervon betroffen sind sämtliche Branchen und insbesondere die bekannten Marken dieser Welt. Das an die Internationale Handelskammer angeschlossene Aufsichtsorgan BASCAP (Business Action to Stop Counterfeiting and Piracy) schätzte die aus Fälschungen und Produktpiraterie entstehenden volkswirtschaftlichen Schäden kürzlich auf rund 1 Billion US-Dollar pro Jahr – was zu einer Gefährdung von rund 2,5 Millionen Jobs weltweit führt.

Während die aus derlei kriminellen Handlungen entstehenden Gefährdungen bei Luxusbekleidung, Accessoires oder pharmazeutischen Produkten schon seit jeher bekannt sind, sehen sich auch Marken aus den Bereichen Elektronik, Food & Beverages bis hin zur Schwerindustrie verstärkt solchen Risiken ausgesetzt. Eine unserer aktuellen Studien zeigt: Mehr als drei Viertel der Onlinekäufer sind der Überzeugung, stets den jeweiligen Originalartikel zu kaufen. Nur etwa 24 % der Käufer greifen bewusst auf nachgeahmte Artikel zurück, wohingegen 76 % (Tendenz steigend) der Käufer beabsichtigten, den Originalartikel zu erstehen, dabei aber oft unbewusst Fälschungen zum Opfer fallen.

Einige dieser Online-Betrügereien sind unseren Erfahrungen nach so effizient und überzeugend, dass die Betrüger die von ihnen angepriesenen Produktfälschungen nicht einmal mehr versenden müssen. Sobald sie über die eingegangenen Vorauszahlungen der getäuschten Kunden ausreichend Umsatz generieren konnten, verschwindet die Webseite wieder aus dem Netz. Gerade der Vertrieb gefälschter physischer Produkte befindet sich weltweit auf dem Vormarsch. Dabei bedienen sich die Täter neuerdings auch Technologien wie dem 3D-Druck, um die unter dem Deckmantel der Originalität angebotenen Produkte in Eigenfertigung herzustellen – was zu einer weiteren Erhöhung der Attraktivität solcher krimineller Absichten führt.

Der Siegeszug der Online-Marktplätze verstärkt das Problem um ein Vielfaches. Denn die Anbieter gefälschter Produkte nutzen nicht alleine eigens für ihre kriminellen Absichten programmierte Webseiten. Ihnen gelingt es zunehmend häufiger, ihre Fälschungen auch über die seriösen Marktplätze im Internet anzubieten – so stringent und sicher die Verkäufer- Richtlinien der Betreiber auch sein mögen. Befeuert wird dies zudem durch den Bedeutungszuwachs mobiler Anwendungen oder den inzwischen zahlreich vorhandenen sogenannten sozialen Netzwerken. Die Betrüger nutzen den Empfehlungscharakter sozialer Netzwerke, um die Links zu den von ihnen illegal angebotenen Produkten zu verbreiten. Nachgeahmte Präsenzen innerhalb der sozialen Netzwerke, die originale Firmierungen und Markenlogos nutzen, um Seriosität vorzutäuschen, sind eine weitere Spielart dieser kriminellen Machenschaften.

Die seriösen Onlinemarktplätze bieten Produkte bekannter Marken an, um den eigenen Webseiten-Traffic zu maximieren, die Konversionsraten ihrer Page Visits sowie die Werbeeinahmen zu erhöhen und zur Generierung von Wiederkäufen. Oben beschriebene betrügerische Handlungen stehen eben jenen Zielen im Wege. Denn es gestaltet sich für die seriösen Onlinehändler mehr als schwierig, das Vertrauen von Kunden, die gutgläubig ein gefälschtes Produkt erworben haben, zurückzugewinnen. Demnach sollte es im Interesse aller seriösen Anbieter liegen, betrügerische Webseiten oder Präsenzen innerhalb der Landschaft der sozialen Medien aus dem Netz entfernt zu wissen – ebenso wie diejenigen Onlinemarktplätze, die den Vertrieb gefälschter Waren unterstützen.

Was können Onlinehändler tun?

Die Identifikation der Fälschungen sowie die Elimination dieser aus dem Netz gestalten sich in den meisten Fällen als eine heikle und langwierige Angelegenheit, die sorgfältig durchdacht werden muss. Wichtig ist es, sich hiervon nicht abschrecken zu lassen. Denn letztlich existieren die Handwerkszeuge, um ein „Take-Down“ der gefälschten Internetpräsenzen bzw. der gefälschten Produkte, die über diverse Marktplätze angeboten werden, zu erreichen. Angebot trifft auf Nachfrage – diese grundlegende Marktfunktionalität lässt sich auch im Bereich der Produktpiraterie finden. Die Beweggründe der Nachfrager sind uns allen nur zu gut bekannt: Der Wunsch, sich preisgünstig mit Luxusmarken zu schmücken oder die Versuchung, einen neuen Spielfilm zu sehen, bevor die offizielle Kinopremiere stattfindet. Und die Anbieterseite vervollständigt diese grundlegende Marktfunktionalität, indem sie Wege findet, diese Bedürfnisse der Nachfrager über die Herstellung und Distribution der Fälschungen zu erfüllen.

Als eingängiges Beispiel kann hier der Onlinevertrieb verschreibungspflichtiger und rezeptfreier pharmazeutischer Produkte angeführt werden. Die Macht des Verbrauchervertrauens in die etablierten Marken ist hier offensichtlich. Käufer sind bereit, deutlich mehr für bekannte Markenprodukte zu zahlen. Fälscher machen sich dies zunutze, indem sie versuchen, über kriminelle Handlungen wie Phishing an persönliche Daten zu gelangen oder mithilfe täuschend ähnlicher Warenumschließungen Fälschungen zu verkaufen.

Zunächst scheint die Verfolgung Cyberkrimineller, die durch Verletzungen von Markenrechten, gefälschte Webseiten oder ähnlichen Vergehen enorme finanzielle Schäden verursachen und die Reputation seriöser Anbieter gefährden, eine sehr schwierige Aufgabe darzustellen. Es gibt jedoch einige spezifische Möglichkeiten, Fälschungen zu erkennen und die Spur der Betrüger im Netz aufzunehmen. Hierfür bedarf es einer hohen Wachsamkeit. So trivial es auch klingen mag – häufig bietet sich in erster Instanz der schiere Vergleich der Produktfotos an. Betrüger nutzen auf ihren Webseiten oder auf den Onlinemarktplätzen, über die sie ihre Fälschungen vertreiben, häufig die auf der Webseite des Herstellers bzw. Markenrechtinhabers zugänglichen Originalabbildungen der Produkte. Die Identifikation dieser Abbildungen außerhalb der Webseite des tatsächlichen Anbieters ist in den meisten Fällen ein wichtiger erster Schritt, um illegale Webseiten oder Anbieter ausfindig machen zu können. Für die Markenrechtsinhaber besteht beispielsweise die Möglichkeit, die Produktabbildungen urheberrechtlich schützen zu lassen, was selbst die Veröffentlichung dieser Abbildungen durch nicht autorisierte Dritte zu einem Straftatbestand werden lässt.

Daneben gilt es, nach weiteren verwertbaren Auffälligkeiten zu suchen. Dazu zählen unter anderem auch widerrechtlich kopierte Texte wie Produktbeschreibungen, häufig gekoppelt an die illegale Nutzung von Markenzeichen. Eine Herausforderung, mit der sich der USamerikanische Pharmariese Pfizer nahezu ständig konfrontiert sieht. Gerade deren Blockbuster „Viagra“ wird auf unzähligen Onlineplattformen illegal angeboten. Die illegalen Anbieter nutzen hierfür Produktabbildungen der Pfizer-Webseite bis hin zum Logo der USamerikanischen Gesundheitsbehörde FDA. Webseiten, auf denen sich gleich mehrere solcher Verstöße finden lassen, sind die ersten Kandidaten für eine eingehendere Untersuchung.

Mit bestimmten Codes versehen - Medikamentenlieferungen

Mit bestimmten Codes versehen ~ Medikamentenlieferungen (© Deniseus – Shutterstock.com)

Die Pharmaindustrie hat sich dafür entschieden, Medikamentenlieferungen in einem ersten Schritt mit bestimmten Codes zu versehen – wahrscheinlich in Anlehnung an Hersteller aus dem Bereich Designerbekleidung. In diesem Kontext nutzt sie authentifizierte Produktetiketten und andere kryptografische Verfahren. Der Nutzen dieser Codierung? Der Händler ist in der Lage, die Herkunft des Medikaments zweifelsfrei nachzuverfolgen – ein System, das gut funktioniert; zumindest bis zum Eintreffen der Ware im Lager des Händlers. An diesem Punkt wird die Verpackung zum zentralen Ausweis der Echtheit eines Produktes.

Zahlreiche Kennzeichnungen dienen dazu, die Echtheit und den Wert eines Produkts zweifelsfrei nachzuweisen. Nachdem wir wissen, dass ein Großteil der Fälschungen auf dem Weg der Medikamente vom Lager des Herstellers zum Händler begangen wird, sind wir so weit gegangen, das Druckverfahren zur Beschriftung der Verpackung der Medikamente zu untersuchen – zusätzlich zur Prüfung der Verpackung und der Medikamente selbst. Farben, die auf der Verpackung oder dem Medikament selbst verwendet werden, können ebenfalls als Hinweis auf gefälschte Produkte dienen.

Jeder Händler hat eine Verantwortung, zu erkennen, dass das Problem der online angebotenen Produktfälschungen real und in unmittelbarer Nähe ist. Cyberkriminelle, die den Handel mit gefälschten Produkten betreiben, sind allgegenwärtig und in der Lage, sich stetig an veränderte Distributionsprozesse anzupassen. Als seriöser Anbieter aktiv gegen den Missbrauch des eigenen Markennamens bzw. der eigenen Produkte vorzugehen, indem die Betrüger identifiziert, juristisch verfolgt und letztlich aus dem Verkehr gezogen werden, zahlt sich unseren Erfahrungen nach in nahezu allen Fällen aus. Der Webseiten-Traffic erhöht sich, ebenso wie die Konversionsraten – das Resultat sind treue und zufriedene Kunden. Dies sagt sich leicht, doch wir stellen immer wieder fest, dass sich viele Unternehmen und Markenrechtsinhaber diesen latenten Risiken kaum bewusst sind. Unser Appell lautet daher: Wachsam werden – wachsam bleiben.

~ Ein Beitrag von Francesco Nazzarri (Group Director für die Bereiche Produkte und Marketing bei NetNames) und Haydn Simpson (Produktmanager im Bereich Markenschutz bei NetNames) zu den Gefahren, die für Onlinehändler durch die illegale Verbreitung gefälschter Produkte entstehen und den Möglichkeiten, aktiv gegen derlei kriminelle Handlungen vorzugehen. ~