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Quo vadis Versandapotheke? 10 Jahre Gerangel zwischen Arzneimittelgesetz, der Pharmalobby und EU-Recht

Redaktion an 15. April 2013 - 07:47 in e-Commerce Highlights, e-Commerce Studien & Fachartikel
Versandapotheke Medikamente

Quo vadis Versandapotheke? 10 Jahre Gerangel zwischen Arzneimittelgesetz, der Pharmalobby und EU-Recht (© Poznyakov – Shutterstock.com)

Vielleicht erinnern Sie sich an das erlösende Versprechen, das Internet könne die Ära der viel zu teuren Medikamente zu Ende gehen lassen? Vor beinahe 10 Jahren, genau gesagt ab dem 01.Januar 2004, durften Apotheken ihre Ware plötzlich im Internet anbieten. Delikat dabei war, dass gleichzeitig die Preisbindung für nicht verschreibungspflichtige Medikamente aufgehoben wurde. So konnte der Verbraucher, der damals noch gewohnt war, das alle Deregulierungsmaßnahmen zu günstigen Preisen führen, hoffen. Schließlich beinhaltete dieses Versprechen für den Ottonormalbürger zu jener Zeit, das das Überangebot an Distributoren schon für fallende Preis sorgen würde. Doch das letzte Wort der deutschen Pharma und Chemie schien noch nicht gesprochen und das europäische Recht noch nicht so weit.

Gerade bei Medikamenten waren die Kosten oft nicht nachvollziehbar und beinahe beim Grammpreis einer illegalen Droge angekommen, manchmal gar bei dem aktuellen Preis einer Feinunze Gold. Also für damalige Verhältnisse sehr teuer. Zwar wurden bei verschreibungspflichtigen Medikamenten zum großen Teil die Kosten von den Kassen bezahlt, aber gleichermaßen bot das ein starkes Argument für die ebenfalls hohen Kassenbeiträge.

Doch nicht nur die Liberalisierung des Medikamentenmarktes ließ den Kunden von besseren Zeiten träumen: nein auch der Begriff „Generika“ wurde zum Versprechen eines besseren, verbraucherfreundlichen Ambiente. So durfte das Sortiment um eine Vielzahl an in Ihrer Wirkung und Konsitenz gleicher Produkte erweitert werden, und darauf hingewiesen, das No-Name Produkt habe die selbe Wirkung wie das vergleichsweise teuere Markenprodukt, ließ Versandapothekenbetreiber ob ihres Vorteils die Hände reiben. Diversifikation ist schließlich für alle da. Der Pharmalobby in Deutschland dürfte das schlaflose Nächte bereitet haben. Die Illusionen der Kunden sind zehn Jahre nach dem Startschuss beinahe verflogen. Die Kosten für Medikamente wie für Kassenbeiträge haben sich jedenfalls nicht zum Günstigeren bewegt.

DocMorris, Zur Rose, MyCare & Co.

Auch die Komplettverlagerung des Medikamentenmarktes in den Onlinehandel ist wohl nicht mehr zu erwarten, was aber die Branche auch etwas beruhigen müsste. Schließlich wurde in der Goldgräberzeit viel Geld verbrannt um den eigenen Versand an die Spitze zu werben und gleichzeitig könnte die nach wie für bewegliche legitime Grundlage von immer neuen Urteilen die Basis des eigenen Geschäftes verpuffen lassen. In Deutschland sind heute um die 2700 Versandapotheken gemeldet, der Konkurrenzdruck bleibt also hoch. Die deutsche Rechtssprechung agierte nach wie vor beinahe traditionell protektionistisch für die Anliegen der Pharmaindustrie, und so schaffte es schon sehr bald ein Unternehmen aus den liberalen Niederlanden an die Spitze des Deutschen Marktes. In klobigen Lettern war bald in passendem giftgrün überall der Name Doc Morris zu lesen. Damals war deren Standing das Goal aller Nachzügler die da kamen wie Sanicare, Zur Rose, Mycare, Versandapo oder gar die Versandapotheke Allgäu, die als eine der wenigen sich durch ein eher alternatives Angebot differenziert.

DocMorris

DocMorris

Die Versandapotheke Venlo aus dem niederländischen wurde vor kurzem mit einem exemplarischen Urteil bedacht: Denn (zitat juravendis.de) „schon im August letzten Jahres entschied der Gemeinsame Senat der obersten Gerichtshöfe, dass auch für verschreibungspflichtige Medikamente, die Versandapotheken mit Sitz im EU-Ausland an in Deutschland ansässigen Endverbraucher abgeben, die deutschen Vorschriften über den Apothekenabgabepreis gelten.“

Das bedeutet, die Chance der Apotheken gar in der Preisdifferenzierung für verschreibungspflichtige Medikamente zu konkurrieren besteht für den deutschen Markt nicht. Klar, Bayer sitzt ja auch in Leverkusen und nicht in Amsterdam. Das Gesetz gibt sich weiterhin als vereinbar mit dem europäischen Gerichtshof. Denn für den deutschen Markt gilt nach wie vor das Arzneimittelpreisbindungsgesetz. Zeigt das einmal mehr die Stärke der deutschen Pharma und Chemie-Riesen? Definitiv, den so viel Protektionismus auf einem radikal liberalisierten und europäisierten Markt erfahren sonst nur etablierte Bankhäuser.

Aber es zeigt auch eines der spannenden Probleme unserer Zeit auf, den gerade die Niederländer haben durch ihre liberale Rechtssprechung oft Möglichkeiten, von denen man hier zu Lande träumen dürfte. Ein weiteres Beispiel der Kollision: Vor kurzem klagte die Wettbewerbszentrale gemeinsam mit der Landesapothekenkammern Baden-Württemberg und Bayern gegen die niederländische Versandapotheke Vitalsana.

Der Grund dafür deren telefonischer Service (zitat juravendis.de): „Nach Auffassung der Richter sei eine telefonische Beratung von Kunden im Wege einer kostenpflichtigen Hotline (14 Cent pro Minute) mittels einer Drittfirma nicht zulässig. Aufgrund des hohen Stellenwertes der Informations- und Beratungsrechte des Kunden dürften keine unzulässigen Hürden für eine solche Dienstleistung aufgestellt werden. Durch die Erhebung einer Gebühr sei neben den allgemeinen Festnetzkosten eine solche unzulässige Hürde gegeben, so die Richter.“

Der weitere Grund für die Auseinandersetzung bestehe darin, das jene Firma wohl in Zusammenarbeit mit einer deutschen Drogeriekette vortäusche, es handele sich dabei um ein deutsches Unternehmen. Also wieder ein weiterer, typisch europäischer Fall, in denen die Gesetzgebungen der einzelnen Länder Tauziehen spielen und die Basis für einen wirklich europäischen Markt noch austariert werden muss.

Ein weiteres, typisch deutsches Hindernis bleibt die Pflicht der inhabergeführten Standortapotheke als Basis für den Internethandel, die sich für nicht wenige Onlineanbieter als kostenintensives Strohmann- Manöver entpuppen durfte. Natürlich bedeutet das alles nicht, das sich Inkubatoren und Investoren generell am Thema Gesundheit die Finger verbrennen, denn nach wie vor ist der Markt um die Medikamente ein Umsatz-Titan.

Pharmalobby vs. Europäischer Apothekenverband

Gleichzeitigt brodelt es, denn die Pharmaindustrie hat eine europäische Konter-Lobby: den europäischen Apothekenverband. Trotz der Entscheidung des Senats will dieser gegen den Preisbindungszwang für ausländische EU-Versandapotheken vorgehen. Weiterhin kündigt der Europäische Apothekenverband an, vor dem Europäischen Gerichtshof gegen die Regelung aus der 16. AMG-Novelle, die jene Preisbindung beinhaltet, zu klagen. Bleibt somit mit Spannung abzuwarten, wie sich die Problematik künftig weiterentwickeln wird. Für den Kunden jedenfalls ist diese Entwicklung positiv und auch für die Versandapotheken bleibt so das Feld der zukünfigen Strategien noch bestellbar.

2 Kommentare beitragen

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2 Kommentare
  • 16. April 2013

    Hallo,
    eine gute Zusammenfassung, die noch mit ein paar Details verfeinert werden kann:

    a) Die Goldgräberstimmung ist vorbei – wir erleben im Moment eine klare Konsolidierung des Marktes, denn viele Apotheken der letzten neun Jahre sind heute in anderen Händen oder insolvent. Gerade die große Insolvenz der Sanicare in den letzten Monaten (neben vielen kleinen die einfach zu machen!) zeigt deutlich, dass es sehr schwer ist im Versandhandel dauerhaft Geld zu verdienen.

    b) Die Anforderungen an den Betrieb eines Shops sind ebenso gleichzeitig gestiegen, da konnte man vor 9 Jahren noch locker einsteigen, heute muss man im Vorfeld sich die Logistik überlegen und dann hineinwachsen – dies ging damals auch umgekehrt!

    c) Die Preisbindung im verschreibungspflichtigen Teil hat sich als widerstandsfähiger erwiesen (weil es auch gute Gründe dafür gibt), als man es damals vorhersehen konnte

    d) Die Preisvergleiche haben eine hohe Bedeutung in dem Markt.

    e) Man darf das Thema „Arzneimittelfälschung“ nicht ganz vergessen – dies wird im freiverkäuflichen Teil zu vernachlässigen sein, aber andere Medikamente sind durchaus hochinteressant für Fälscher.

    Allerdings erleben wir immer noch ein Wachstum der Abverkäufe, nur mit sinkenden Steigerungsraten.

    Antworten
  • 7. Mai 2013

    Da ist wirklich einiges an Bewegung. Schade ist nur, wie wenig davon beim Kunden ankommt. Aber wenn der die Augen aufmacht, kann er eben hin und wieder ein Schnäppchen machen.
    Insofern wird es fraglos noch spannend!

    Antworten

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