Plattformen gewinnen weiter an Bedeutung +++ Unternehmen offen für Künstliche Intelligenz, der Praxiseinsatz stagniert jedoch.

Andreas Stein - TCS

Andreas Stein ~ TCS

Der Handel war lange zurückhaltend bei der Digitalisierung und im Vergleich mit anderen Branchen eher ein Nachzügler. Jetzt haben Handelsunternehmen die Zurückhaltung aber abgelegt und holen auf. Ein Blick auf die 10-Punkte-Skala verrät: Der Handel macht im Vergleich zu anderen Branchen in diesem Jahr den größten Digitalisierungsfortschritt mit einem Anstieg von 5,5 auf 6 Punkte. Damit liegt der Handel sogar über dem Durchschnitt aller untersuchten Branchen. Auf einer Skala von 1 (ganz am Anfang) bis 10 (vollständig digitalisiert) sehen sich die befragten Unternehmen insgesamt bei einem Wert von 5,9. Das ergab eine repräsentative Umfrage unter 951 deutschen Unternehmen von Bitkom Research im Auftrag des IT-Dienstleisters Tata Consultancy Services (TCS).

Die Transformation verantwortet in fast jedem zweiten Handelsunternehmen (45 Prozent) eine spezielle Digitalisierungseinheit. Vergleichsweise selten begleitet der Handel die digitale Transformation dabei mit Changemanagement-Methoden (52 Prozent, Gesamt: 59 Prozent). Im Fokus stehen dabei unter anderem die Veränderung von Geschäftsprozessen und -modellen (64 Prozent) – und sind damit stärker im Fokus des digitalen Wandels als in allen anderen Branchen.

„Die digitalen Impulse kommen immer schneller und unaufhaltsam“, sagt Andreas Stein, Handelsexperte bei TCS. „Um wettbewerbsfähig zu bleiben, gilt es, auf der Höhe des technologischen Fortschritts zu bleiben. Dafür braucht es konsequentes Changemanagement. So können Handelsunternehmen den kontinuierlichen Wandel aktiv mitgestalten, anstatt nur im Nachhinein zu reagieren oder gar wichtige Wachstumschancen zu verpassen.“

Plattformen gewinnen weiter an Bedeutung

Plattformen als Teil der digitalen Transformation gewinnen gerade in der Pandemie stark an Bedeutung: Jedes zweite Handelsunternehmen (57 Prozent) bietet sein Portfolio mittlerweile auf Online-Marktplätzen an. Mit Blick auf das Vorjahr ergibt das ein Wachstum um 13 Prozentpunkte für Plattformen als Vertriebskanal.

„Digitale Plattformen sind seit Jahren omnipräsent und haben in der Pandemie weiter an Relevanz gewonnen“, berichtet Branchenexperte Stein. „Auch soziale Netzwerke integrieren zunehmend E-Commerce-Systeme in ihre Nutzeroberfläche. Die Pandemie war für die Branche ein Weckruf und zahlreiche Unternehmen nutzen die Möglichkeiten inzwischen.“

Unternehmen offen für Künstliche Intelligenz, der Praxiseinsatz stagniert jedoch

Zwar stehen immer mehr Unternehmen Künstlicher Intelligenz (KI) offen gegenüber, doch der Praxiseinsatz stagniert, noch immer lässt der große Durchbruch auf sich warten. So gab mehr als die Hälfte der Handelsunternehmen (56 Prozent) an, der Technologie gegenüber positiv eingestellt zu sein – das sind 3 Prozent mehr als im Vorjahr. Damit liegt die Branche knapp über dem Gesamtdurchschnitt, noch vor der Automobilindustrie und dem Maschinen- und Anlagenbau.

Doch nur jedes siebte Unternehmen (14 Prozent) setzt die Technologie auch tatsächlich ein. Genauso viele Firmen planen (14 Prozent) den Einsatz Künstlicher Intelligenz. Weitere 18 Prozent diskutieren die KI-Nutzung. Die Werte sind damit nahezu identisch mit denen vom Vorjahr.

Fast drei Viertel der befragten Handelsunternehmen (73 Prozent) sehen in den hohen Investitionen eine entscheidende Hürde für die Einführung und Umsetzung von KI-Systemen. Mit großem Abstand folgen weitere Hinderungsgründe wie die Komplexität der Technologie (51 Prozent), Anforderungen an den Datenschutz (45 Prozent), lange Entscheidungsprozesse im Unternehmen (46 Prozent) und der Mangel an Expertise (43 Prozent).

„Die Pandemie hat der Zukunftstechnologie Künstliche Intelligenz einen kurzfristigen Dämpfer verpasst“, sagt TCS-Experte Andreas Stein. „Mittel- bis langfristig ist das Potenzial aber weiterhin riesig. Einsatzbereiche sind beispielsweise die Preisgestaltung, das Bestandsmanagement oder der Kundenservice.“

So kann Künstliche Intelligenz zum Beispiel die Preisgestaltung optimieren, indem Unternehmen nicht nur die Daten der Wettbewerber als Basis nutzt, sondern auch das Einkaufsverhalten der Kunden einbezieht. Darüber hinaus ermöglicht die Technologie auch eine kundenorientierte Sortimentsgestaltung und intelligentes Bestandsmanagement. Mithilfe von Musterkennungen aus einer Vielzahl an Daten, und unter Einbeziehung externer Einflüsse wie dem Wetter, potenziellen Trends und Veranstaltungen, versetzt KI den Einzelhandel zum Beispiel in die Lage, Sortimente optimal auf die Kunden in seinem Einzugsgebiet anzupassen.

Weitere Ergebnisse der Trendstudie, etwa zum Stellenwert der Digitalisierung in den Unternehmen oder zum Einsatz von Schlüsseltechnologien, sowie ausführliche Branchenergebnisse für die Informations- und Kommunikationstechnologie, Chemie und Pharma, Banken und Versicherungen, die Automobilindustrie sowie den Maschinen- und Anlagenbau gibt es unter: Nachhaltig geht nur digital.

Grundlage der Angaben ist eine Unternehmensbefragung, die Bitkom Research im Auftrag des IT-Beratungsunternehmen Tata Consultancy Services von März bis Mai 2021 durchgeführt hat. Dabei wurden 951 Unternehmen mit 100 oder mehr Beschäftigten befragt. Die Interviews wurden mit Führungskräften durchgeführt, die in ihrem Unternehmen für das Thema Digitalisierung verantwortlich sind. Dazu zählen Geschäftsführer und Vorstandsmitglieder ebenso wie Entscheider aus den Bereichen Digitale Technologien, Informationstechnik und Operatives Geschäft. Die Umfrage ist repräsentativ für die deutsche Gesamtwirtschaft ab 100 Mitarbeitern. Nach 2016, 2017, 2018, 2019 und 2020 ist dies die sechste gemeinsame Studie von TCS und Bitkom Research.