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Interview mit Arne Vogt: Wie unterscheidet sich der E-Commerce in Deutschland und UK?

Der 23. Juni und damit das Referendum über den Verbleib von Großbritannien in der EU rückt näher. Die Spannung steigt, nicht nur in UK. Kommt es zum Brexit oder nicht? Darüber und über den Onlinehandel in Deutschland und UK, was ihn verbindet, worin er sich unterscheidet, haben wir mit Arne Vogt gesprochen. Dem Gründer und Geschäftsführer von Artavo, einer in Hamburg und im englischen Windsor vertretenen E-Commerce und IT-Unternehmensberatung.
Redaktion an 13. Juni 2016 - 20:21 in e-Commerce Interviews
Arne Vogt - Artavo

Arne Vogt ~ Artavo

Herr Vogt, wieso ist Artavo auch in UK vertreten?

Wir sehen die Überwindung kultureller Differenzen und den Austausch von innovativen Technologien zwischen den beiden größten E-Commerce Märkten Europas als große Chance für Europa, sich in der Welt als Vorreiter für fortschrittlichen B2C-Handel zu positionieren. Unser Anspruch ist es, Software-Unternehmen und andere Dienstleister des Handels dabei zu unterstützen, sich optimal auf Ihren Markteintritt in Deutschland oder England vorzubereiten und sich im ersten Step über strategische Partnerschaften mit lokalen Partnern im jeweiligen Markt zu etablieren.

Wie unterscheidet sich der E-Commerce in Deutschland und UK?

In UK ist der E-Commerce durch die frühe Adaption durch den englischen Einzelhandel bereits weiter entwickelt als in Deutschland. Das wird besonders bei der Verknüpfung von Online- und Offline Vertriebsaktivitäten der Händler und im Lebensmitteleinzelhandel deutlich. Auch bei den Verbrauchern hat er bereits eine deutlich höhere Bedeutung. Die Briten kaufen im Durschnitt 50% mehr im Internet ein als die Deutschen. Allerdings ist Deutschland bei den Pro-Kopf Umsätzen in Europa auf Platz 2 und damit ebenfalls führend.

Schaut man ins Detail, werden weitere Unterschiede deutlich. Gerade im Bereich Payment nutzen die Deutschen z.B. gerne die Rechnung oder Lastschrift als Zahlungsmittel. Beide Zahlungsmethoden sind in UK quasi unbekannt, hier wird ganz selbstverständlich mit Kreditkarte bezahlt. Durch die starke Verzahnung im Bereich Online / Offline sind auch neue Logistikkonzepte wie Click and Collect oder Same Day Delivery in UK schon längst Standard, während wir damit gerade erst beginnen.

Da die Deutschen zudem sehr an einer rechtlich einwandfreien Geschäftsbeziehung mit Ihrem Händler interessiert sind und zudem die Abmahnrisiken in Deutschland ungleich höher sind als in UK, ist dieser rechtliche Bereich in Deutschland sehr stark ausgeprägt, viele Dienstleister und Anwälte leben davon. In UK gibt es dieses Pochen aufs Recht nicht und wird von den britischen Händlern, die in Deutschland tätig werden wollen, als diffuse Gefahr wahrgenommen.

Was können deutsche Start-Ups von britischen lernen?

Die britischen Start-Up’s haben bei ihren Geschäftsideen immer den Kunden im Fokus, während die deutschen häufig eine technische Problemstellung als Kern ihres Wirkens betrachten. Dadurch haben die britischen Start-Up’s einen Vorteil bei der Argumentation gegenüber ersten Nutzern und Investoren. Weiterhin haben britische Start-Up’s häufig auch von vornherein einen globaleren Fokus als die deutschen, gerade im Hinblick auf andere englischsprachige Länder wie die USA. Der Servicegedanke ist in UK von jeher ausgeprägter als in Deutschland und auch davon können sich deutsche Start-Up’s eine Scheibe abschneiden.

Welches Standing hat man als deutscher Unternehmer in UK?

Deutsche Unternehmen und deren Leistungen werden von den Briten als durchdacht und sehr solide wertgeschätzt. Hier wird immer wieder über die deutschen Autos geschwärmt, die trotz Linksverkehr in großer Menge über die Insel gefahren werden. Das ist gerade auch für deutsche Beratungs- und Softwareunternehmen ein Benefit. Im Bereich Marketing werden die Deutschen dafür als eher langweilig und nicht innovativ eingestuft, hier haben die Briten eine sehr hohe Meinung von sich selbst und ich finde zu Recht.

Welches Interesse haben britische E-Commerce Unternehmen am deutschen Markt?

Die britischen Online-Händler sehen Deutschland neben China und den USA als hochinteressanten Absatzmarkt, gerade im Fashion-Bereich. Aber wie man am Beispiel ao.de sieht, können auch Convenience Produkte wie weiße Ware mit hoher Servicequalität erfolgreich von Briten in Deutschland vermarktet werden, und das sogar trotz unterschiedlicher Steckdosen-Normen!

Wie ist die Stimmung in Sachen Brexit in der Bevölkerung?

Die Stimmung in der Bevölkerung ist von hoher Unsicherheit geprägt. Es gibt keine glasklare Bekenntnise für oder gegen einen Brexit, da es keine eindeutig einleuchtenden Gründe für einen Brexit gibt. Die Brexit Anhänger sind gegen weitere Einwanderungen aus EU-Ländern, weil diese das nationale Sozialversicherungssystem belasten. Weiterhin sind sie gegen den EU-Protektionismus und die Bevormundung durch Brüssel in diversen Fragen, die ihrer Meinung nach von den Briten selbst entschieden werden sollten. Das dritte Argument sind die hohen Abgaben, die UK als drittgrößter EU-Nettozahler nach Frankreich und Deutschland zu leisten hat, deren Mehrwert nicht gesehen wird. Gerade ältere Menschen und Menschen aus den unteren sozialen Schichten sind für einen Brexit, aber auch viele Konservative, die UK weiterhin als den Mittelpunkt des Commonwealth betrachten, der aufgrund seiner vielfältigen weltweiten politischen und wirtschaftlichen Beziehungen nicht auf das kontinentale Europa angewiesen ist.

Nichtsdestotrotz sind auch viele Briten gegen den Brexit, gerade die Schotten und die Nordiren sind mehrheitlich für einen Verbleib in der EU. Die jüngeren Engländer und die Besserverdiener sind auch eher gegen erneute Einschränkungen und sehen sich als Teil einer globalen Welt. Viele Wirtschaftsexperten, Firmenchefs und Intellektuelle haben sich für den Verbleib in der Europäischen Union ausgesprochen. Unternehmen wie JP Morgan gehen sogar einen Schritt weiter und drohen damit, im Falle eines Brexits 4.000 Mitarbeiter zu entlassen.

Die Finanzwirtschaft in der City of London ist geteilter Meinung. Der Fall des Pfunds würde durch einen Brexit beschleunigt werden, der Verfall von Aktien aber eher nicht. London könnte sich ohne die EU-Fesseln noch besser als globaler Finanzplatz etablieren, gerade auch Finanzprodukte aus Schwellenländern, und wäre durch die Fusion mit der Deutschen Börse trotzdem weiter mit dem europäischen Binnenmarkt verbunden.

Viele gerade exportorientierte Unternehmen wie z.B. der Online-Handel sehen den Brexit als ernste Bedrohung an. London ist für viele globale Unternehmen das Tor zu Europa und wird diese Bedeutung durch den Brexit spürbar einbüßen. Exportzölle und komplexere Ausfuhrbedingungen könnten den Abverkauf von Produkten in den europäischen Binnenmarkt deutlich erschweren und die Wettbewerbsfähigkeit der britischen Händlern in diesem preissensiblen Umfeld innerhalb Europas gefährden.

Welche Konsequenzen hätte ein Brexit für Dich und Artavo?

Gerade für viele deutsche Unternehmen könnte es erst einmal leichter sein, in andere Länder zu expandieren, in denen die Regularien für Firmengründung, Personaleinstellung etc. leichter zu bewerkstelligen sind. Die britischen Unternehmen könnten sich dagegen erst einmal vom nun komplexer zu erschließenden europäischen Binnenmarkt abwenden und sich mehr auf USA und China konzentrieren.

Da jedoch beide E-Commerce Märkte in Europa auf absehbare Zeit die wichtigsten bleiben werden, wird es unsere Aufgabe sein, die entstehenden Barrieren durch die Planung und Umsetzung von bilateralen Vertriebskooperationen und strategischen Partnerschaften in den beiden Ländern so zu gestalten, dass die durch den möglichen Brexit entstehenden Nachteile für unsere expansionswilligen Kunden ausgeglichen werden können.

Ein Blick in die Glaskugel: Wie geht das Referendum aus?

Ich gehe davon aus, dass sich die Briten wie die Schotten vor knapp zwei Jahren bei Ihrem Referendum über den Verbleib im Vereinigten Königreich für den Verbleib in der EU entscheiden werden, weil die Argumente für eine Austritt nicht ausreichen, um die sogar vom britischen Finanzministerium deklarierten hohen möglichen Einbußen beim persönlichen Einkommen und die von vielen Wirtschaftsforschungsinstituten vorhergesagten Verluste beim Wirtschaftswachstum zu rechtfertigen. Selbst der britische Premierminister David Cameron, der seinen Wählern das Referendum versprochen hatte, ist brennender Befürworter für einen Verbleib. Da wird auch sein Studienkollege und Parteifreund Boris Johnson nichts gegen tun können, zudem viele Briten bei seiner Parteinahme für den Austritt nur sein eigenes politisches Kalkül sehen, nicht aber seine echte Meinung. Denn warum soll der Bürgermeister von London, einer der multinationalsten und weltoffensten Städte der Welt, ernsthaft für eine Rückbesinnung auf nationalistische Werte stehen? Zudem werden die schottische und die nordirische Minderheit mehrheitlich für einen Verbleib stimmen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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