Hagen Issbrücker

Hagen Issbrücker ~ Designer

Wir alle wissen: Konkurrenz belebt das Geschäft. Im Designbereich gibt es immer mehr Startups, die den Wettkampf unter den Kreativen zum Preisvorteil des eigenen Portals nutzen. Dort wird das Modell Crowdsourcing genannt, denn Crowd klingt verheißungsvoll nach dem Produkt vieler Begeisterter. Natürlich haben solche Ideen eine Chance auf Erfolg und sicherlich einige Nachahmer, da die Aufwendungen eines solchen Startups im Verhältnis gering sind.

Denn das eigentliche Risiko liegt bei den Designern, die sich durch Vorleistung gegen die Kollegen durchsetzen müssen. Man stelle sich ein ähnliche Situation im Büro vor, alle gegen alle, und nur der Beste bekommt ein Gehalt – nicht auszudenken, wie da die Fetzen fliegen würden. Doch die Anonymität im Netz macht das Rat-Race etwas unblutiger. In der Berufspraxis von Selbständigen allerdings sind sogenannte „Pitches“ sehr geläufig.

Designenlassen.de und crowdsite.de sind zwei Portale, die mit dem traditionellen Pitch-Prinzip ihr Geschäft machen. So kann man sich bei beiden als Designer anmelden, erhält via Email aktuelle Ausschreibungen, gibt Design-Vorschläge ab, erhält Feedback vom Auftraggeber und hat die Chance auf das Preisgeld. Alles wie gewohnt? Nicht ganz: Der Auftraggeber hat das Glück dort aus ca. 100 Designvorschlägen wählen zu können und muss das von ihm selbst festgelegte Preisgeld natürlich nur an den auszahlen, der den Wettbewerb gewinnt. An dieser Stelle also ein unschlagbares Preis-Leistungsverhältnis für den Kunden: Er bekommt 100 Entwürfe für den Preis von einem. Doch welcher Vorteil bleibt den Kreativen? Schliesslich gibt es bei jedem Projekt so gezählt circa 99 Designer, die Arbeitszeit und Können investiert haben und dennoch leer ausgehen.

Logo-Entwicklung für 200 Euro?

Selbstredend sind beide Anbieter in der Regel so günstig, dass ein normaler Designer dafür nicht einmal seinen Computer hochfahren würde. Denn oft liegt das Preisgeld bei beiden Portalen für eine Logo-Entwicklung inclusive Feindaten bei 200 Euro, das Mindestbudget bei desingenlassen.de liegt bei 129 Euro. Natürlich kann man als Auftraggeber auch die Budgethöhe festlegen und so selbst überprüfen, wo die Unterkante von qualitativer Arbeit liegt bzw. wo Dumping anfängt. Nur zum Vergleich: gemäß Tarif des AGD (Allianz Deutscher Designer) liegt das Honorar für die Gestaltung eines Logos mit nur geringem Nutzungsumfang schon etwa bei etwas mehr als dem Zehnfachen. Natürlich ist niemand gezwungen bei solchen Ausschreibungen mitzumachen. Oder sind es die schwierigen Umstände einer dauernden Akquise, die den einen oder anderen selbstständigen Designer zu einem designenlassen.de- oder crowdsite.de- Gestalter machen?

The Hypertimes traf zu diesem Thema Hagen Issbrücker, Dipl. Designer und Red Dot Design Award-Gewinner. Der Blick auf die Summe der Auszeichnungen, die das Startup designenlassen.de einfahren konnte, lässt den selbständigen Designer ungläubig staunen:

„Es ist schon ein bisschen absurd, dass ein Unternehmen Preisauszeichnungen von der IHK und der Initiative Mittelstand erhält für ein Geschäftsmodell, welches von der hohen Arbeitslosigkeit junger Kreativer profitierend zum Lohn-Dumping einlädt und damit die Existenz kleiner und mittelständischer Unternehmen der Design-Branche bedroht.“

Bieten beide Portale Chancen für Designer, sich so neue Kundenstämme aufzubauen?

“Ich glaube eher nicht. Denn kein professioneller Designer kann sich dauerhaft einen Kunden wünschen, der Leistung nicht angemessen zu bezahlen bereit ist. Außerdem wird durch den fehlenden persönlichen Kontakt die Geschäftsbeziehung ja völlig anonymisiert. Wer Aufträge über solche Plattformen vergibt, hat wohl kaum Interesse an einer langfristigen Zusammenarbeit. Da gilt am Ende eine ähnlich gewissenlose Mentalität wie bei vielen Internet-Geschäften.“

Geben die Seiten designenlassen.de und crowdsite.de nicht Freelancern die Möglichkeit, nebenbei Geld zu verdienen?

“Bestenfalls einem „Glücklichen“ von Hundert. Aber selbst der kann in Deutschland von solchen Honoraren nicht leben. Die dennoch hohe Beteiligung mag z.T. auch aus Ländern mit geringerem Lohnniveau kommen. Aber sie zeigt auch deutlich die hiesige Bereitschaft zum „Ausbeuten lassen“, als Konsequenz eines völlig übersättigten Arbeitsmarktes, auf dem ohnehin nur ein kleiner Bruchteil der Absolventen von Designstudiengängen Fuß fassen kann. Durch das gegenseitige Lohn-Dumping wird aber letztendlich Kreativität, als wichtiger Impuls für wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung, entwertet.”

Um die Seite der Auftraggeber beleuchten zu können, sprachen wir außerdem mit einem mittelständischen Unternehmer, der Kunde bei einem Crowdfounding-Design-Startup ist, aber anonym bleiben will. Er bemerkte dazu, wie gut es sei, dass hier Designer weltweit eine Chance hätten, Kunden zu akquirieren. Der Zuschlag für seine Logo galt einem Kreativen aus Südostasien. Bei der Frage, ob ihm das Dumping selbst unangenehm wäre, meinte er, im Gegenteil, er habe etwas Gutes vollbracht, schließlich seien seine 200 Euro dort in etwa zwei Monatslöhne. Eine Win-Win-Situation mit Charityeffekt oder die globalisierte Chance der Unterdrückten? Oder finden wir einmal mehr die altbekannte Hybris, die eine Gabelung zwischen nachhaltigem Wirtschaften und dem guten, alten, „quick an dirty“-Geschäft darstellt.

So viel ist sicher: Überall, wo der eCommerce neue Chancen, Märkte und Strukturen schafft, bleibt Altes auf der Strecke. Nicht nur das Angebot von Waren wird durch internationalen Wettbewerb einem maximalen Preiskampf ausgeliefert. Hier geht es schließlich um Arbeit, die durch das Internet ausgelagert wird, vielleicht auch dorthin, wo die Preisgelder einem anderen Wert entsprechen.