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Carsten Kraus: „Nur wenn wir uns mit den Risiken von KI beschäftigen, können wir auch ihre Chancen nutzen“

Redaktion an 14. Mai 2018 - 14:08 in e-Commerce Interviews

Interview mit Carsten Kraus, Gründer und CEO der Omikron Data Quality GmbH, der kürzlich zum Vorsitzenden der Special Interest Group KI der Wirtschaftsinitiative „Baden-Württemberg: Connected e.V.“ (bwcon) gewählt wurde. Im Gespräch mit dem E-Commerce-News-Magazin läutert Kraus unter anderem, wie er die künftige Rolle von Künstlicher Intelligenz einschätzt und welche konkreten Anwendungsbereiche er in den nächsten Jahren sieht.

Carsten Kraus: "Nur wenn wir uns mit den Risiken von KI beschäftigen, können wir auch ihre Chancen nutzen"

Carsten Kraus: „Nur wenn wir uns mit den Risiken von KI beschäftigen, können wir auch ihre Chancen nutzen“

Herr Kraus, was versteht man eigentlich unter KI?

Künstliche Intelligenz ist der Versuch, menschliche Intelligenz nachzuahmen. Hierbei gibt es die so genannte schwache und die starke KI. Die starke KI kann alles, was der Mensch auch kann. Sie wird von der Öffentlichkeit als „die“ Künstliche Intelligenz verstanden und auch häufig als Bedrohung wahrgenommen. Die schwache KI hingegen ahmt lediglich bestimmte Prozesse und Tätigkeiten des Menschen nach und versucht, in diesen genauso gut oder besser zu sein als der Mensch.

Was sind Zweck und Ziele der Special Interest Group KI?

Der bwcon hat die Aufgabe, die Innovationsfähigkeit in Baden-Württemberg zu fördern. In der Special Interest Group KI unterstützen wir dieses Ziel, da künstliche Intelligenz Innovation massiv vorantreibt. Innovationen sind heutzutage oft digitaler Natur – das heißt, eine neue Maschine ist nicht nur deshalb besser, weil sie stabiler oder kräftiger ist, sondern vor allem, weil sie intelligenter ist. Bisher war diese Intelligenz in Form fertig programmierter Algorithmen vorgegeben, aber nun nehmen automatisierte Lernmechanismen der Maschinen selbst an der Innovation teil. Beispielsweise lernen Maschinen, unter welchen Umständen sie eher beschädigungsanfällig sind und können diese Umstände rechtzeitig melden oder sogar vermeiden. Ein anderes Ziel ist es, sich mit dem Thema KI und Ethik auseinanderzusetzen. Hierbei geht es vor allem um das Thema starke KI – etwa, wo Menschen dadurch verdrängt und nicht ergänzt werden könnten und an welchen Stellen dies gefährlich sein könnte. Nur wenn wir uns mit diesen Risiken intensiv beschäftigen, können wir gewährleisten, dass wir auch die Chancen, die KI bietet, nicht verpassen und richtig nutzten.

Wie setzt sich die SIG KI zusammen?

Abgesehen von mir besteht das Board aus vier weiteren Mitgliedern: Michael Mörike, Vorsitzender der Integrata-Stiftung, ist verantwortlich für den Bereich Ethik. Anni Schlumberger, ebenfalls von der Integrata Stiftung, unterstützt die SIG in organisatorischen Angelegenheiten. Dr. Andreas Lenz, der in den 90ern über KI promoviert hat, wird sich mit dem Thema interne Arbeitsmethodik beschäftigen. Professor Roland Heger wird die Zusammenarbeit mit Hochschulen für KI sowie die Zusammenarbeit der Hochschulen mit der Industrie fördern. Ich selbst freue mich darüber, den Vorsitz übernehmen zu und die Sache weiter voranzubringen zu dürfen. Die Mitglieder des bwcon haben die Möglichkeit, jederzeit an Sitzungen der SIG KI teilzunehmen. Zusätzlich wird es öffentliche Veranstaltungen geben, die sich auch an andere Unternehmer und Privatpersonen richten. Ich bin sicher, dass uns die vielen Diskussionen und daraus resultierenden Anregungen alle voranbringen werden.

Seit wann beschäftigen Sie sich mit KI und wie bewerten Sie den Fortschritt der Technologie?

Ich beschäftige mich schon sehr lange mit dem Thema. In den 80ern habe ich einen Code aus dem Programm „Eliza“ von Joseph Weizenbaum (MIT) abgetippt, um ihn dann weiterzuentwickeln. Eliza war ein Dialogprogramm, welches so tat, als wäre es eine Universitätspsychologin. Weizenbaum stellte damals das Programm in den Großrechner und jeder Student konnte mit dieser „Psychologin“ in Dialog treten. Wenn ein Student eine Frage eingetippt hat, hat Eliza jedoch meistens die Fragen wiederholt – zum Beispiel: Student: „Gestern Nacht ging es mir gar nicht gut.“ Eliza: „War das schlimm für dich, dass es dir gestern gar nicht gut ging?“ Ich habe dann angefangen, Lernfunktionen in dieses Programm einzubauen, sodass diese Funktionalität dann Dinge über die Welt lernen und Schlussfolgerungen ziehen konnte. In den 90ern habe ich mich dann mit neuronalen Netzen beschäftigt, konnte diese allerdings aufgrund der damals schlechten Rechenleistung nie so weit bringen, Ähnliches zu leisten. Es lässt sich also sagen, dass das Thema KI mich seit den 80ern stets begleitet hat. Auch in unserem Produkt FACT-Finder und unseren Data-Quality-Lösungen sind künstliche Intelligenzverfahren integriert. Mit anderen Worten, aus dem Benutzerverhalten wird gelernt, um so die Ergebnisse zu verbessern. Dafür sind auch viele Patente angemeldet worden – einige davon von mir.

Wo sehen Sie aktuell die spannendsten Anwendungsfelder für KI und was kommt als nächstes?

Für mich sind alle Felder spannend. Täglich hört man von neuen Dingen, die vorher als unmöglich galten oder an die noch niemand gedacht hatte. Das ist so ähnlich, wie wenn Sie ein Kind haben – als meine Tochter anderthalb Jahre alt war und jeden Tag irgendwas Neues konnte, das war unglaublich faszinierend. So ähnlich ist das gerade mit der Künstlichen Intelligenz. Aktuell finde ich spannend, was in der Kunst passiert: Es gibt KIs, die nun Bilder im Stil von van Gogh malen und es gibt andere, die Texte dichten oder Markennamen erfinden. Das sind Dinge, die bringen vielleicht nicht die Menschheit voran, aber dadurch entwickelt sich die Künstliche Intelligenz weiter. Natürlich gibt es auch wirtschaftlich spannende Entwicklungen im Zusammenhang mit KI. Auf Online-Plattformen zum Beispiel wird bereits viel automatisch gelernt. Auch unsere eCommerce-Lösung FACT-Finder lernt seit mehreren Jahren aus dem Benutzerverhalten und wird so ständig klüger. So sind wir in der Lage, optimale Suchergebnisse und eine tolle Customer Experience zu liefern. Aber auch außerhalb der rein digitalen Welten werden Maschinen immer Intelligenter. Zum Beispiel redet ja alle Welt vom selbstfahrenden Auto. In Zukunft werden viele solcher alltäglichen Tätigkeiten von Robotern ersetzt werden.

Zalando hat kürzlich über 200 Marketing-Mitarbeiter entlassen, da deren Aufgaben zukünftig von Algorithmen erledigt werden können. Wird KI zukünftig vermehrt Arbeitsplätze kosten?

Ja, das ist ein Nebeneffekt von KIs. Es wundert mich aber, dass dies nicht schon früher passiert ist, da vor allem im Marketing sehr viel automatisiert werden kann. Auch in unserer Firma ist durch den Einsatz eines Übersetzungsprogrammes mit KI ein Übersetzer zu 90 Prozent entlastet worden. Aber deswegen muss er ja noch lange nicht entlassen werden. Er kann mehr Arbeit in weniger Zeit erledigen. Gleichzeitig verbessern wir die Qualität der Arbeit insgesamt, da unser Mitarbeiter sich nun darum kümmern kann, die Dokumentation im Allgemeinen zu optimieren.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Kraus.

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