Was ist ein Fetisch? Ist es die Kombination aus Farben und Formen, die magische Erfüllung verheißen? Schemata aus unserem Unterbewusstsein, Stereotype, die möglicherweise in einer Art Totem oder einem Talisman wiederentdeckt werden? Sie erinnern uns mit ihrer unscharfen Ähnlichkeit doch daran, dass wir beinahe etwas vergessen haben, oder noch komplizierter, das wir entgegen aller alltäglichen Beobachtungen doch ein Unterbewusstsein besitzen.

So wird beispielsweise, laut einer Internetenzyklopädie, die man nicht verwenden sollte um eine Doktorarbeit zu schreiben, Retifismus, allgemein als Schuhfetisch bekannt, als eine sexuelle Devianz verstanden, bei der eben jene Schuhe als Stimulus der sexuellen Erregung und Befriedigung dienen.

Fühlen Sie sich ertappt? Nicht schlimm. Schließlich ist dieser Hang, Schuhe zu begehren kein Verlangen, das irgendwelchen Schaden anrichten könnte. Allerhöchstens dem eigenen Portemonnaie oder den Augen des Betrachters. Aber das bleibt zum Glück Geschmackssache.

Wo sind also die Orte im Internet, die der Retifisten Herz und Fuß berühren?

Wer mit dem bisher genanntem Hang zufällig die Seite www.shoepassion.de aufruft, muss sich zwangsläufig ertappt fühlen. Alle dort gezeigten Exponate glänzen so, als müsste man Straßenstaub noch erfinden. Ja, der Schuh schreitet glänzend beinahe aus dem Bild der Startseite, dem Betrachter entgegen. Weiter noch fällt dem Web-Affiniciado auf, dass die Homepage mit einer selten so gesehenen Aufgeräumtheit fast erschlägt. Sämtliche Bilder sind größer als von vergleichbaren Seiten, der Raum dazwischen unendlich weißer als #ffffff uns bisher schien. Der schlichte Inhalt des inneren der Webseite spannt den Bildschirm fast aus. Natürlich, bei diesen Schuhen laufen auch die Augen mit, und hier haben sie sogar die Chance zu überlaufen.

Business-Class Schuhe

Business-Class Schuhe ~ Edel, klassisch (© ShoePassion)

Doch was genau bietet uns Shoepassion eigentlich mit diesen Hochglanz- JPGs eigentlich an? Eine Antwort darauf erfährt jeder Interessierte mit ein wenig hin- und her scrollen. Die Seite richtet sich, entgegen aller hier geschürten Erwartungen, an die Zielgruppe Mann. Shoepassion macht es sich zur Aufgabe, nicht nur den Schuhfetisch zu befriedigen, sondern auch den Fuß des Mannes qualitativ und hochwertig zu bekleiden.

Natürlich ist der Passion-Schuh kein Turnschuh, sondern eher Business-Class, alles in allem Edel und klassisch, gleichermaßen in Auswahl der Schnitte als auch der Materialien. Ob Derby oder Oxford, Boots, Slippers oder Mokassins oder, dann natürlich in der zeitlosen Edelvariante, tatsächlich als Sneaker. Es sind beinahe alle Klassiker und ein paar wenige Exoten mit im Sortiment.

Gleichzeitig zeichnet sich die Firma auch gleich als der Ursprung der schönen Stücke aus. Die Shoepassion-Ware wird, wie mittlerweile fast alle „Made in Europe“-Schuhmarken, im westlichsten Europa hergestellt. Nicht in Portugal, das, möchte man fast meinen, nur noch aus Schuhmachern und –Macherinnen besteht. Nein, in diesem Fall ist die Manufaktur irgendwo in Südostspanien beheimatet. „Manufaktur“ weist berechtigt auf einen nicht geringen Teil an Handarbeit hin, wie sogar das passende Video der Webseite bezeugen kann. In 210 Arbeitsschritten stellen kunstfertige Schuhmacher das vollendete Schuhwerk her, so lernt der Zuschauer in wenigen Minuten. Die Klaviermusik und Ambiente könnten einen cineastischer Historienschmöker einer Jane Austen Verfilmung nicht angenehmer gestalten. Man fühlt sich nicht nur eingesogen in die Welt des feinen Kunsthandwerks, nein, man ist auch durchaus geneigt, sich vorzustellen, durch den Besitz eines Shoepassion- Schuh ein Teil dieser Kultur zu werden.

Zugegeben- bei soviel Ambiente könnte der Namen der Manufaktur, die gleichzeitig den Online-Vertrieb darstellt, fast stören. Der Anglizismus wirkt wie ein derbes Understatement, gerade weil man sich in der glatten Ledersohle sogar durch die High Resolution-Bilder fast spiegeln möchte. Auf der Webseite findet man folgenden, sich vorab fast entschuldigende Absatz dazu:

„SHOEPASSION.com soll kein hipp klingender Anglizismus sein, der von pfiffigen Werbern für einen weiteren Abverkauf von billigen Herrenschuhen entwickelt wurde. Er definiert unsere Liebe.“

Doch pfiffig ist allemal, das die Webseite signalisiert, man stünde jenseits des flachen Kommerzes und proklamiere eher eine Art Philosophie. Weiter wird der Schuh sogar als Jahrhunderte altes Kulturgut geadelt. So gesehen stimmt all das, doch wäre es erst recht interessant zu wissen, auf welche lange Tradition Shoepassion schon blicken darf, doch dieser Fakt bleibt uns verborgen. Dennoch steht Shoepassion gerade, die Webseite gibt sich als Allrounder in Punkto Stilfragen und Beratung. Dresscode, der richtige Schuh zum Anzug, ein kundennaher Blog, der wiederum geschickt Stereotype rezipiert, als wäre die Schuhgeschichte nicht auch die Geschichte der eigenen Sozialisation. So wird dort stolz die Top 10 der Shoehistory präsentiert, unter anderem mit einem Bild des Sneaker-Models, das Marty McFly trug, als er in mit brennenden Reifen in die Zukunft und wieder zurück fuhr.

Beispielhaft wie die Webseite insgesamt ist also auch die Themenauswahl des Blogs, im besten Sinne nicht nur als Crossmarketing-Vehikel, sondern auch als Komplett-Einbettung des Schuhkultes und neben den Emotionen, die so retro wie sie sind gut funktionieren und im Auge des Betrachters ein leicht wohliges Schauern erzeugen. Also „the medium is the message“ im angenehmsten Sinne. Denn bei Shoepassion fühlt sich so nicht nur der gemeine Schuhfetischist zuhause, nein, auch alle, die sich für Produktdesign, Marketing und Strategien interessieren, dürften shoepassion.de mit mehr als nur einem wohl wollenden Lächeln honorieren.