Sympatischer Web-Auftritt des Berliner Start-Ups Mornin' Glory

Sympatischer Web-Auftritt des Berliner Start-Ups Mornin‘ Glory

Na sowas. Eine Internetseite, die ausschließlich Rasierklingen vertreibt, deren Corporate Identity aber nicht aussieht, wie eine Kopie von Gilette? Genau: Keine perlenden Wassertropfen, keine wettergegerbte Haut, ja genau genommen gar keine Männermodels. Trotzdem fasst sich der Schreiber dieser Zeilen an seinen 3 Tage-Bart und fühlt sich dabei ertappt, sich von dem wirklich sympatischen Web-Auftritt des Berliner Start-Ups Mornin‘ Glory verführen zu lassen. Vielleicht überzeugen sie mich zur Nassrasur?

Ja, Mann, ich gehe mich gleich rasieren, yeah, möchte man fast mit emporgereckter Faust in den Himmel grummeln, mit der deutschen Synchronstimme von Bruce Willis.

Wer bei dem Namen des Unternehmens sofort and den Call and Response-Hit der Britpoppper Oasis denkt, liegt bei der Eingrenzung der Zielgruppe garantiert nicht so falsch. Hier wird nicht nur in allen Texten geduzd, es wird auch angekumpelt, so sehr, dass man sich fast mit der Mornin‘ Glory-Homepage ein Bier aufmachen will. Das erstaunlich frische Layout der Seite tut sein Übriges.

Mit „mach `ne Ansage“ wird der Kunde aufgefordert, die Vertragsbedingungen zu wählen. Vertrag? Ach ein Abo?

Geschätzt sitzt mindestens jeder zweite Deutsche auf einem Abo, das er nicht kündigt, weil Abonnements im Allgemeinen ungefähr so leicht zu lösen sind wie eine Beziehung, die man beenden will. Eigentlich ist es sogar komplizierter, schließlich macht man nicht schon drei Monate vorher auf dem Papier Schluss. Um es kurz zu sagen: ein Abo ist mittlerweile mit massenhaft negativen Assoziationen verbunden, und wer will sich schon die Finger an einem neuen Knebelvertrag verbrennen. Genau diesen Trend im Visier steuert Mornin‘ Glory hart entgegen. Es gibt keine Mindestlaufzeiten, keine langen Kündigungsfristen, nur ein paar Tage vorher solle man „´ne Ansage“ machen. Registriert und als Kunde eingeloggt wird sich wahlweise sogar via Facebook. Dieses Handling sieht man nicht zum ersten mal und soll paradoxerweise gerade über die Einbindung von Facebook Vertrauen schaffen. Wir erinnern uns an die Abgabe jeglicher Copyrights bei Einstellung eigener Bilder auf die Plattform der Social Media-Giganten. Nichtsdestotrotz ist ja der geneigte Facebook-User auch ein Teil der Maschinerie geworden, oder anders herum, Facebook ein Teil von ihm selbst. Ganz egal ob statt den Freunden, die willfährig Katzenbilder posteten nur noch perfekt zugeschnittene B2C-Posts übrig geblieben sind.

Morning Gory bringt Kumpelei und Abo unter einen Hut

Mach `ne Ansage! ~ Kumpelei und Abo unter einen Hut

Zurück zum Thema Mornin‘ Glory. Gerade weil sich die Firma so sehr und auch sympathisch in Slangsprache probiert, hier noch einige Beispiele: So sticht das Berlinerische „für umme.“ in roter Schrift ins Auge, und selbst der geneigte Germanist weiß, dass es an dieser Stelle etwas Kostenloses gibt. Jeder, der sich schon einmal nassrasiert hat, wird schon sehr bald danach fragen, wie es mit der Kompatibilität der Klingen steht, schließlich ist es selbst bei Markenprodukten nicht so einfach, fremde Klingen zu installieren. Dieser Schwierigkeit bewusst, klärt „für umme.“ das Problem sofort und verspricht, den ersten Griff gratis mitzuliefern. Selbstredent ist dieser Schritt zwingend, sonst würde das ganze Prinzip Rasierklingen-Online-Abo wohl rechte Startschwierigkeiten haben.

Ein weiteres Beispiel in bemerkenswert maskuliner Ankumpelung ist der Halbsatz, Produkte der Konkurrenz seien „Rasierer, die aussehen wie ein Sexspielzeug oder B-Promis, die dir die Notwendigkeit eines neuen Geräts einreden.“

Hier wird einmal mehr gezeigt, dass Mornin‘ Glory generell wie der angestrebte Kunde über den Dingen steht, all diesen Tand nicht nötig hat und sich von allen anderen unterscheidet. Wenn man sich die zwei zur Wahl stehenden Geräte ansieht, stellt sich natürlich die Frage, ob der Sexspielzeugvergleich nicht gerade doch treffend ist. Doch, sich dieser Tatsache bewusst, werden alle Bedenken mit „(wir) konzentrieren uns lieber aufs Wesentliche: eine gute Rasur abzuliefern“ relativiert. Was noch wichtiger wäre, den Einkausmuffel Mann vor dem Einkaufen im Supermarkt zu bewahren. Dem wird das Argument: „boom. das ist der ganze Trick.“ nachgeschoben. Aha.

Interessant ist, das trotz allem marktschreierischen Duktus kein Ausrufezeichen zu finden ist. Dies unterstreicht gekonnt noch einmal mehr die eigene Coolness. Schließlich will Mornin‘ Glory niemand zu seinem Glück zwingen. Gekonnte Piktogramme erklären noch einmal den Vorgang eines Internetkaufs, vor allem die Darstellung eines Schiffes, welches ohne Zweifel für den Anglizismus „shipping“ steht, wurde so Augenzwinkernd dargestellt.

Einzig die wiederholt auftretende Aussage, Mornin‘ Glory-Rasierklingen sind 50% billiger, lassen den Verbraucher mit der Frage zurück, an wem sich das Berliner Start-Up eigentlich messen will.

Trotz aller zur Schau gestellten Abgeklärtheit fällt an dieser Stelle auf, das es nicht so viele Anglizismen gibt, wie man vermuten möchte. Natürlich sind die Produktnamen selbst nicht so ganz davon befreit, schließlich heißt das Einsteigergerät bzw. der Rasierer mit drei Klingen „Freshman“ und das 5-Klingen Model „Alpha“, was schließlich beinahe weltmännisch aus dem Griechischen stammt, aber natürlich auch irgendwie auch aus der American-College-Sprache bekannt ist.

Bewusst werden die nervigen englischen Slogans der Konkurrenz in der Selbstbeschreibung sogar umgedreht, denn man selbst sei kein Konzern, der overpromising und overprised den Kunden das Geld aus der Tasche ziehen will. Interessant und sehr schlau dabei ist wirklich, das Anglizismen negativ wertend verwendet werden. Die nachträgliche Distanzierung, man sei ja selbst ein Haufen begeisterter Damen und Herren mit mäßigem Cahsflow hingegen kokettiert natürlich mit der Selbstwahrnemung vieler Berliner und schafft einmal mehr Verbrüderung, vielleicht auch bundesweit.