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Mitfahrgelegenheit.de vergrault Kunden

Gabriel Wohlfahrt an 5. Juni 2013 - 22:52 in e-Commerce Highlights
Mitfahrgelegenheiten.de

Mitfahrgelegenheit.de erfährt extremen Gegenwind (© Mitfahrgelegenheit.de)

Die günstige Alternative für preiswertes Reisen erfährt seit wenigen Wochen extremen Gegenwind. Schuld daran ist eine Gebühr von 11% des Fahrpreises für jede Fahrt ab 100 Kilometer.

Kaum installiert empören sich Mitfahrer auf allen zur Verfügung stehenden Kanälen über die nun neuen und zusätzlichen Kosten. Der Facebook-Kanal des Unternehmens leidet seit dem Launch des Bezahlsystems unter Beschimpfungen enttäuschter Beifahrer und Fahrer sowie der häufig gelesenen schlichten Aussage, man habe das eigene Konto gelöscht. Basta! Doch nicht nur der Shitstorm gibt ein klares Bild der plötzlichen Antipathie wieder, denn mehrere Nachahmer gründeten eigene Fahrportale wie „blablacar.de“, ein anderes sogar mit dem zynischen Verweis auf das erfolgreiche Portal „bessermitfahren.de„. Ein Schalk, wer dabei nicht hofft, durch eben diese Protestwelle einen steilen Karrierekick für das eigene, noch kleine Startup zu generieren. Mitfahrgelegenheiten.de selbst hält sich bedeckt, klare Ansagen gegen die neuen Mitstreiter werden klug verhindert, und man ist sich sicher, keine Kunden verloren zu haben. Ironischerweise wird gleichzeitig ungelenk verkündet, die eben gelöschten Accounts würden ja durch neu dazu kommende ersetzt werden.

Hinter Mitfahrgelegenheit.de steht die Müncher Firma Carpooling GmbH. Das Prinzip der ursprünglichen Idee von 2001 wurde seit dem Jahr 2008 auch ins europäische Ausland exportiert, so gibt es in mittlerweile 8 Ländern gut laufende Dependancen. Natürlich ruft eine Ausweitung der Kampfzone Investoren auf den Plan, man ist nicht umsonst ein Startup der Nuller Jahre. Zum illustren Kreis gehören Early Bird und Daimler, letztere bezahlten laut Spiegel Online für ihre 17 Prozent 8 Millionen Euro. Den Investoren hinter Early Bird gehört der Löwenanteil am gesamten Volumen mit glatten 37 Prozent. Schnelle Kopfrechner und Könner des Dreisatzes mögen so den Kampfwert des Unternehmens prognostizieren: 47 Millionen Euro, ein dicker Fisch also. Nebenbei bemerkt: die drei Gründer hinter Mitfahrgelegenheiten halten seit dem Daimler-Deal nicht mehr die Mehrheit der eigenen Unternehmenspapiere.

Klar ist, das hier von allen Beteiligten in die Zukunft investiert wurde, in den Break Even Point. Nach eigenen Aussagen konnte das Portal kaum schwarze Zahlen schreiben, denn bislang nahm das Unternehmen nur durch Werbeanzeigen ein und musste davon auch 60 Mitarbeiter bezahlen. Mitfahrgelegenheit.de kann auf monatlich mit über einer Million Besucher rechnen, also eine Menge potentielle Kunden, die den kostenlosen Service genießen konnten und nun natürlich zur Kasse gebeten werden. Denn selbst redend wollen Inkubatoren nur dort investieren, wo sicher ist, das dieses Geschäftsmodel durch die Decke geht und satte Gewinne produziert. Wahrscheinlich wurde den Kapitalgebern also schon vor geraumer Zeit versprochen, Wege zu finden, die in die heiß ersehnte Gewinnzone führen. Ein Verrat am Nutzer? Oder eine lang angesetzte Aktion von Carpooling, um bei Start des Bezahl-Modells möglichst viel Kapital auf einmal generieren zu können?

Nichts von der Entwicklung der Mitfahrer-Plattform ist außergewöhnlich oder gar unmoralisch, eigentlich ist es eher verwunderlich, das jenes Modell erst jetzt fest installiert wird. Und doch führt dieser doch nachvollziehbare Weg glatt in einen Sturm der Entrüstung, der seines Gleichen sucht und zu Nachahmern, die sich ein ähnliches Geschäft erhoffen. Eine Dienstleistung, die über ein Jahrzehnt frei zur Verfügung stand und nun aus unerfindlichen Gründen Geld kosten soll, ist die Wurzel eines klaren Vertrauensbruch zwischen Anbieter und Kunde. Moment, kann man Kunde sein, wenn es sich bei dem bezogenen Service um einen kostenfreien handelt? Ganz klar ja, denn der Austausch einer Dienstleistung, auch wenn sie nicht vom Nutznießer selbst bezahlt wird, muss verantwortbar sein, denn im extremsten Fall könnte eben nach Haftbarkeit oder der Ausschluss jener gefragt werden.

Aktionen am Rande der Legalität

mitfahrgelegenheit

Alles soll besser werden ~ Mitfahr-App

Diese Verantwortung und das dadurch geschaffene Vertrauen ist eine Leistung, die nicht von ungefähr kommt. Genau genommen war das Vertrauen zwischen den Kunden, also Fahrern und Mitfahrern lange genug im Keller und konnte vor geraumer Zeit nur durch den Zwang zu buchen behoben werden. Ein Mitfahrer erinnert sich an die typische Situation zwischen Köln und Berlin vor zwei bis drei Jahren: So fuhr der geneigte Reisende oft zwar absichtlich dort mit, wo die Zahl der Mitfahrer auf drei begrenzt war, aber musste sich vor Ort damit auseinandersetzen, in einem bis unter das Dach vollgepackten VW-Bus mit 10 bis 12 weiteren Pendlern zu stecken. Die Fahrer dieser Gruppenreisen wären oft kaum ansprechbar gewesen und mehrere Handys im Armaturenbereich liegen, die alle unentwegt geklingelt hätten. Genaugenommen konnte dieser Mitfahrer froh sein, wenn die Fahrt überhaupt stattfand, denn mehrfach sei er versetzt worden. Denn oft musste der Fahrer sofort nach der Ankunft zurück an den eigentlichen Start fahren und solche Fahrten am Tag mindestens einmal zurück absolvieren und war so wohl auch vom eigenen Geschäftsmodell überfordert.

Diese Aktionen waren am Rande der Legalität, da jede Fahrt, bei der mehr als drei Mitfahrer kostenpflichtig transportiert werden, als gewerblich gilt. Das Verheerende daran war, das viele dieser typischen Fahrten entweder sehr spät oder gar nicht statt fanden, duzende versetzte Pendler erzählten sich die selbe Geschichte. Die Wende kam durch die Einführung des damals noch kostenfreien, aber rückversichernden Buchungssystem.

Die Crux, der sich der Kunde hier also stellen muss, ist die nach der Abschlusssicherheit der Dienstleistung die durch ein etabliertes Unternehmen gewährt wird, oder dem Risiko, Fahrten ohne jede Haftung des Fahrers oder Mitfahrers zu tätigen, aber so die Luft der freien und günstigeren Alternative schnuppern zu können.

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Gabriel Wohlfahrt

Seit seinem Studium der technischen Redaktion beschäftigte sich Gabriel Wohlfahrt mit den Kommunikationsaspekten der Wissensvermittlung auf B2B- und B2C-Seite in Text und Bild. Durch seine breit gefächerten beruflichen Tätigkeiten ergänzt er sein journalistisches Spektrum um Aspekte aus der Betriebswirtschaft, Marketing, Public Relations, SEO und dem Digitalen Markt.

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2 Kommentare
  • 6. Juni 2013
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    Ich habe die VW-Bus Aktion Köln-Berlin auch ein paar Mal durchlitten. Ein Mal hat der Fahrer geschlagene 2h Aufsammeltour in Berlin gefahren! Inzwischen nehme ich mir, wenn ich mir nicht 100%ig sicher bin, dass die MFG ein echte privater Fahrer ist, den Bus. Bisher ist das immer noch ein bisschen langsam, aber ab 1.7. wird es anscheinend auch eine Expresslinie Köln-Berlin geben, wie ich gerade gesehen habe.

    Antworten
  • 14. Juni 2013
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    Diese gewinnorientierten Fahrer mit ihren 9-Sitzern habe ich auch gelegentlich genutzt. So schlecht, wie sie hier gemacht werden, sind sie aber nicht. Sie nutzen geschickt eine Marktlücke in der rechtlichen Grauzone. Nach dem 1. mal konnte ich die auch immer erkennen. Denn der Vorteil am freien Modell ist ja, dass man zuerst telefoniert. Also der persönliche Kontakt. Und da kann man Fragen über Fahrzeug, Gepäck und Fahrer stellen. Denn ich bevorzuge einen gemütlichen 9-Sitzer gegenüber einem Berufspendler, der mit seiner Luxuslimousine mit über 200 Sachen über die Autobahn heizt. Da fühle ich mich einfach sicherer. Einen ganz „normalen“ PKW ohne Raser am Steuer habe ich aber auch so einem 9-Sitzer vorgezogen.
    Übrigens: ich bin sowohl als Fahrer als auch als Mitfahrer schon mehrfach versetzt worden, was teils sehr ärgerlich war. Das Problem ist aber von beiden Seiten gesehen weit geringer als die Gebühr und die fehlende direkte Kommunikation bei dem kostenpflichtigen Modell.
    Für Fahrer und Mitfahrer ist es deutlich schlechter geworden. Und gleichzeitig teurer. Unterm Strich sind alle entscheidenden(!) Punkte sehr viel schlechter als vorher.

    Und ganz nebenbei: Sollten vor Einführung des Buchungssystems schon über 60 Mitarbeiter nötig gewesen sein, dann ist das ein Fall von beispiellosem Missmanagement und sagt nichts über das werbefinanzierte Modell aus.

    Griz
    Antworten

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